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Nichts für "dünnhäutige" Waidgesellen!

Unverhoffte Begegnung mit einer Schulklasse

von Rolf Adler

Aufgrund des zentralisierten Schulwesens, in dem allenfalls Grundschulen noch dörflich angesiedelt sein können, dürften Begegnungen mit Gruppen (Schulklassen etc.) in den Revieren zu den Ausnahmen gehören. Biologie- oder Naturkundeunterricht vollziehen sich heute weitgehend in Labors, dort wir anhand von Büchern und audiovisueller Medien gelernt. Sollte es einer Lehrkraft dennoch möglich sein, eine Klasse einmal "vor Ort" zu unterrichten, werden in der Regel Mitarbeiter der Forstverwaltungen vorher um Rat und Beistand gefragt. Der Unterricht am lebenden Objekt vollzieht sich dann meist in den Forsten und somit außerhalb unserer Reviere.

Doch Revierinhaber, deren Revier in der Nähe einer Jugendherberge oder einer Jugendbildungs- und Freizeitstätte liegt, können plötzlich vor der Aufgabe stehen, vor einer Gruppe Kinder oder Jugendlicher Rede und Antwort stehen zu müssen. Dazu können ein paar Gedanken im Umgang mit Gruppen nützlich sein.

Situation:

Ich habe mir zwei Tage Urlaub genommen, um zwei  Kanzeln gründlich zu sanieren. Zusammen mit einem Bekannten arbeite ich schon seit dem Morgengrauen im Revier. Nun ist es fast Mittag. Ein paar Mal schon habe ich in einiger Entfernung lautes Rufen und ausgelassenen Gejohle vernommen. Ich ahne, dass eine Gruppe im Revier unterwegs ist. 

Plötzlich sehe ich ca. 300 m entfernt eine Gruppe von ca. 20 Jugendlichen auf mich zukommen. Ich spüre Ärger, denn der Lärm, den die Gäste machen, ist wirklich erschütternd. Die Mädchen und Jungen sind ca. 12 - 14 Jahre alt, ausgelassen und fröhlich. Der Lehrer trottet dem Tross scheinbar unbeteiligt hinterher. Wer hier wen mitgenommen hat, ist kaum auszumachen. Guter Laune bewegt sich die Gruppe auf mich zu ...

Der Umgang mit größeren Gruppen ist immer schwierig und heikel. Eine Gruppe besteht nie aus nur einem Gruppenleiter und allseits folgsamen Gruppenmitgliedern. Sie ist vielmehr aufgeteilt in verschiedene Untergruppen mit den jeweiligen Anführern und in Einzelgänger. Eine Gruppe ist kein einheitliches Gegenüber, mit dem ich gezielt und konzentriert ein Gespräch führen könnte. Museumsführer wissen davon ein Lied zu singen.

Da Gruppen im Wald immer in einer besonderen Situation sind, darf ich weder an die gesamte Gruppe noch an die Aufsicht den Anspruch stellen, dass man sich unauffällig und möglichst lautlos durch das Revier bewegt. Der Lehrer hat den Waldgang gewählt, um Abwechslung und ein bisschen Freiheit zu bieten. Ist er klug, lässt er seinen Schülerinnen und Schülern in dieser außerordentlichen Situation die lange Leine, um sie dann beizeiten und wo nötig, kürzer zu nehmen. Ein Waldgang bedeutet eine erfreuliche Abwechslung im Schulalltag, ist eine Art Feiertag.

Als Revierinhaber stehe ich vor der Frage, ob und wie ich in diesem "Feiertag" der Klasse vorkommen und diesem lautstarken und scheinbar wilden Tross begegnen will. Ich habe die Chance, zum ganzen Unternehmen etwas hinzuzutun. Ich kann der Klasse zum Glücksfall, zu einer freundlichen Bereicherung werden. Dazu bedarf es aber einer positiven Grundeinstellung.

Positive Grundeinstellung

Wer meint, angesichts des offensichtlich disziplinlosen Durcheinanders nun der Lehrkraft erst einmal vor versammelter Klasse eine Nachhilfestunde in Pädagogik bieten zu müssen (früher hat es so etwas nicht gegeben, da hatten wir noch Respekt!), der hat schon verloren. Er wird nicht nur den Pädagogen, sondern bald die ganze Gruppe gegen sich haben. Schüler machen es den Lehrern oft schwer, aber sie sind im selben Maße zur Solidarität fähig und bereit. Der gemeinsame Feind ist das festeste Band der Freundschaft - dies wussten schon die alten Römer. Schüler und Lehrer werden sich einander beistehen, wenn sie unfreundlich "von der Seite angemacht" werden. Wenn ich mich über den Besuch im Wald ärgere, sage ich lieber gar nichts und lasse vorbeiziehen, sowohl den Grund für meinen Verdruss aber auch die Chance zur Begegnung.

Wenn der Lehrer klug ist und nicht einfallslos, wird er versuchen, die unverhoffte Begegnung mit dem Jäger zu nutzen. Er wird sich als Gruppenleiter zu erkennen geben und sich vorstellen. Auch wird er darüber Auskunft geben, warum sich die Gruppe im Wald aufhält. Wird die Initiative von der Lehrkraft ergriffen, bahnt sich wohlmöglich ein Gespräch an. Freundliche Nachfragen über die Herkunft, über das Thema der Exkursion etc. bringen einander näher. Dabei muss man sich allerdings darüber im Klaren sein, dass die Begegnung mit dem Weidmann nicht bei allen Gruppenmitgliedern auf Interesse stoßen muss.

Ruhe bewahren

Da gibt es welche, denen ist die ganze "Latscherei durch die Botanik" ein Greuel und ein unfreundlicher Jäger ist ein willkommenes Opfer für den Frust. Anderen geht es an diesem Vormittag mehr um die hübsche Klassenkameradin, die am Abend vorher verheißungsvolle Blicke aussandte. Wieder andere hatten an diesem Tag noch keine Gelegenheit, sich oberschlau und vorlaut in den Vordergrund zu drängen und warten auf ihre Chance. Das alles ist normales Gruppenverhalten und kommt nicht nur unter Jugendlichen vor. Nur dem völlig Unbeleckten in Sachen Pädagogik kann dies ein Dorn im Auge und Grund zum Ärger sein. Gelassenheit und ein großes Maß an Toleranz sind hier gefragt. Auch wenn die ein oder andere hämische Bemerkung aus dem Hintergrund zu hören ist heißt es: Ruhe bewahren - oder, wie es neudeutsch unter Jugendlichen heißt: cool bleiben, baby.

Bahnt sich bei all' dem ein Gespräch an, gebe ich so gut es geht Auskunft über meine Arbeit und meine grundsätzlichen Absichten und Aufgaben als Jäger. Je jünger die Kinder sind, desto weniger schwierig wird die Begegnung. Je älter und "erwachsener" die Gruppe, desto mehr Widerstand werde ich ernten und zu spüren bekommen. Die Jugendlichen sind dabei, sich zu finden. Vorpubertät und Pubertät heißt, sich von hergebrachten Normen und Traditionen zu lösen, um eigene Schritte zu versuchen. Jugendliche testen Argumente und halten Höflichkeit und Toleranz für völlig sinnloses Geschwätz.

"Zur Sache, Schätzchen", lautet ihre Devise, und dem alten "Tierschänder" soll es wohlmöglich ordentlich gezeigt werden. Schließlich weiß doch jeder, dass jedes Geschöpf ein Recht auf Leben hat. Und die Natur regelt das schon selbst.

Nach dem Motto "Weg mit den Tüten, Freiheit für die Gummibärchen" werden einige versuchen, es dem alten Grünrock ordentlich zu zeigen. Und so wird der Jagdmann die ein oder andere offene oder aus der hinteren Reihe verdeckt geäußerte Kritik zu hören bekommen. Dabei kann es passieren, dass junge Menschen das Maß der Zumutbaren übersteigen. Engagement und Polemik überschneiden einander. Wird das eigene, doch so bestechende Argument nicht gewürdigt, dann kippt das Engagement in guter Absicht schnell in Ärger um; der Jugendliche wird frech.

Dem dünnhäutigen und leicht reizbaren Weidgesellen kann dabei schon bald die Galle überlaufen. Und schnell eskaliert dann der Streit und endet in allgemeine Beschimpfung und Schmähungen. Hier ist nur noch einmal der Rat zu geben, ruhig Blut zu bewahren und auch Humor zu zeigen. Man muss sich nicht unwidersprochen beleidigen lassen und darf auch verteilen. Nur muss man bei all' dem beachten, dass hinter aller Kritik und den vorgebrachten Argumenten bei den Jugendlichen der Wunsch steckt, akzeptiert und ernstgenommen zu werden.

Am meisten imponiert Jugendlichen Schlagfertigkeit. Ein oder zwei gute verbale Konter nach der Devise: "wo du mit mir hinwillst, da komme ich schon her", schaffen Raum und Sympathie. Man soll sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

Merkt die Gruppe, dass man an einem ernsthaften Gespräch interessiert ist und nicht zu den "Greisen und Gruftis" gehört, hat man bald Sympathisantinnen und Sympathisanten auf seiner Seite. Das Gespräch verlagert sich dann in die Gruppe selbst. Plötzlich ergreifen Gruppenmitglieder Partei für die von mir vertretene Sache. So komme ich aus der Schusslinie und gehöre plötzlich dazu.

Wem Schlagfertigkeit nicht gegeben ist, der halte sich zurück. Moraline Appelle ernten Gelächter und enden im totalen pädagogischen Fiasko. Die Gruppe wird böswillig und hämisch abziehen. Vielleicht wird der Lehrer noch die ein oder anderen Entschuldigung an uns herantragen. Aber die Begegnung war ein Flop. Fazit: "Mit dem war ja nicht zu reden ...!"

Es wird in den seltensten Fällen möglich sein, eine Art Unterrichtsgespräch zu führen, d.h. Informationen über Jagd oder Revier weiterzugeben. Sachliche Anknüpfungspunkte, die sich ergeben, sollten aber genutzt werden. Vielleicht wird man ja gefragt, warum Schaum auf dem Bach steht, und es ist gut, wenn man sich darüber einmal Gedanken gemacht hat. Vielleicht sind jemandem die Hinweisschilder auf die Impfköder aufgefallen oder die Haare um den Maisschlag. Grundsätzlich ist das Interesse an ökologischen Fragestellungen bei Jugendlichen sehr groß. Man sollte als Jäger z.B. über eine paar Informationen über die Waldschadensentwicklung verfügen und das globale Problem regional konkretisieren können. Kann man die Theorie mit Beispielen im eigenen Revier belegen, hat man gewonnen.

Irgendwann wird die Gruppe das Interesse am Weidmann verlieren und weiterziehen. Es ist gut, wenn die Jugendlichen dann keine Frustration über eine schlechte Behandlung durch den Jäger mitnehmen ( um sie vielleicht an der nächsten Leiter auszulassen).

 

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