Das Weidwerk wird seinen Ort und Rang in unserer Gesellschaft auf Dauer dann behaupten, wenn es uns Jägern gelingt, Einblicke und Einsichten in das eigene Engagement zu vermitteln und unserem Image als Natur- und Tierschützer aufzuhelfen. Möglichkeiten dazu bieten sich oft unverhofft und überraschend "vor Ort", d.h. im Revier. Es ist wichtig, dass Jäger dann Vorstellungen davon haben, welches Verhalten ihrem Anliegen dienlich und welches schädlich ist. Nicht immer muss der Jäger der in seinem Tun Angegriffene sein. Oft geben naturverbundene Zeitgenossen durch offensichtliches und ärgerliches Fehlverhalten Anlass zum Gespräch. Auch dann gilt es sach- und situationsgerecht zu reagieren: Situation: Es ist ein schöner Juniabend und ich bin auf dem Weg zum Ansitz. Ich erreiche die Waldwiese und entdecke in einiger Entfernung einen Hund, der mit tiefer Nase gerade auf die Dickung zieht, die mir als Einstand besonders wichtig ist. Im selben Augenblick bemerke ich in gehöriger Entfernung ein Pärchen, das sich verliebt und eng umschlungen tief in die Augen schaut und dabei wohl an alles Mögliche, nur nicht an den Hund denkt. Der nutzt die Gunst des Augenblicks und verschwindet prompt in der Dickung. Ich nehme meinen Teckel kurz und gehe auf die beiden zu. Es gibt etwas zu bereden ... Versuchung Niemand meiner Mitjäger würde mir nachher sagen, dass ich überzogen oder unangemessen gehandelt hätte, wenn ich die beiden jetzt scharf annehmen und ihnen gehörig die von Liebe verdrehten Köpfe waschen würde. Der unbeaufsichtigte Hund in der Kinderstube meines Reviers ist außerordentlich ärgerlich und gefährlich. Solcher Leichtsinn, wie ihn das Turtelpaar an den Tag legt, darf nicht unwidersprochen bleiben. Als Jagdschutzberechtigter darf ich es an Deutlichkeit nicht fehlen lassen. Im Augenblick dieser Begegnung habe ich ein doppeltes Ziel: 1. muss der Hund sofort zurück in den Einwirkungsbereich seiner Halter! 2. will ich dem Pärchen zur Einsicht in die Rücksichtslosigkeit und Gefährlichkeit seines Tuns und Unterlassens verhelfen. Beide Ziele vor Augen zu haben und dem Frust über den Hund in der Dickung nicht freien Lauf zu lassen, bedeutet für mich eine große Herausforderung an Disziplin und Selbstbeherrschung. Überzeugen Will ich aus der für mich ärgerlichen Situation das Beste machen, muss ich zunächst Kontakt aufnehmen. Der Lernprozess beginnt, wo ich mein Gegenüber teilhaben lasse an meiner Bedrückung und meinen Befürchtungen. Ich werde also deutlich zu erkennen geben, dass ich berechtigte Sorgen um das Wild in der Dickung habe:
Diese Aufforderung an die Hundebesitzer ist deutlich, sachlich angemessen und lässt doch Raum für ein nachfolgendes Gespräch. Der Angesprochene wird nun erst einmal sachlich reagieren, indem er den Hund zurückruft. Meiner Sorge um das (Jung)Wild wird er sich kaum verschließen. Ist es an dieser entscheidenden Stelle gelungen, den eigenen Ärger, den inneren Druck und die Anspannung in den Griff zu bekommen, ist viel gewonnen. Ein gebrülltes "Pfeifen sie ihren Hund zurück!", oder gar: "Ich soll ihrem Köter wohl eins auf den Pelz brennen!" zeitigt allenfalls den kurzlebigen Augenblickserfolg mit anschließenden Hassgefühlen. Wir aber wollen ja einen Lernprozess, der nachhaltig verändertes Verhalten durch Einsicht zur Folge hat. Die Art und Weise, wie der Halter Einfluss auf seinen Hund zurückgewinnt, kann Thema des weiteren Gespräches sein. Ich habe keine Hemmungen, einem Hundehalter für den Gehorsam seines Lieblings Anerkennung zu zollen, wenn dieser Appell hat. Das anschließende Gespräch dürfte sich dann entspannter gestalten lassen, ohne dass die Problematik aus dem Blick gerät. Hat der Hundehalter dagegen Probleme, seinen Hund in die Gewalt zu bekommen, ist genau diese für ihn sehr peinliche Erfahrung Anknüpfungspunkt für das folgende Gespräch. Doch sollte man sich hüten, die peinliche Situation nun auszunutzen (Ich hab's ja gleich gewusst...!). Die Lehre, die der Hundehalter zu ziehen hat, ist ihm eben in einer Lektion seines eigenes ungehorsamen Hundes erteilt worden, so dass unsere Befürchtungen und Besorgnisse bezüglich des Wildes von ihm nicht einfach von der Hand zu weisen sind (Mein Hund tut so etwas nicht). Paradoxer Weise wird der ungehorsame Hund in dieser Situation zu unserem Verbündeten und zum Argument für unser Einschreiten. Ist der Hund an der Leine, d.h. die unmittelbare Bedrohung für das Wild gebannt, habe ich Raum, das Klima zu verbessern. Fragen nach dem Alter des Hundes und nach dem Namen etc. entschärfen die konflikthaltige Atmosphäre. Ich schaffe damit Raum für die m.E. nötigen Hinweise zur Gefährlichkeit freilaufender Hunde besonders in den Brut- und Setzzeiten. Sachinformationen Der Eindruck, den ich nun hinterlasse, wird davon abhängen, ob ich mich sowohl als menschlich akzeptabler als auch fachlich versierter Naturschützer erweise, oder ob ich mich als Revierhengst aufspiele, ohne den Hintergrund meines Anliegens transparent machen zu können oder zu wollen. Sachwissen spielt dabei eine große Rolle. So habe ich die Information parat, dass der § 35 des Niedersächsischen Naturschutzgesetzes das unnötige Beunruhigen wildlebender Tiere verbietet und dass das (unwidersprochene) Recht zum freien Betreten von Wald und Flur nicht das freie Umherlaufen von Hunden und Katzen abdeckt. Diesbezügliche Fehleinschätzungen oder Unwissenheit meiner Gesprächspartner ist damit zu korrigieren. Auch der möglichen Frage, mit welchem Recht man als Jäger eigentlich für sich in Anspruch nimmt, friedlichen Spaziergängern "auf die Pelle zu rücken", ist z.B. mit dem Hinweis auf den § 1 des Bundesjagdgesetzes oder den Artikel 2 des Landesjagdgesetzes (Niedersachsen) zu beantworten. Hier ist geregelt, dass befugte Jäger zum Unterlassen von Fehlverhalten auffordern können. Grundsätzlich gilt: Sachargumente sind die besten Argumente! Fehlende Sachkenntnis und Argumente lassen sich nicht durch Lautstärke oder Drohgebärden kompensieren. Meine Autorität in einem Gespräch entwickelt sich in der Regel proportional zu meiner Kompetenz. Autoritäres Verhalten aber ist nicht zwangsläufig ein Zeichen für Kompetenz, sondern oft für das traurige Gegenteil. Medien Für jeden Lernprozess gilt, dass er durch Medien unterstützt oder sogar in Gang gebracht wird. Es muss nicht sein, dass wir immer nur auf das angewiesen sind, was uns gerade an Worten oder Gesten einfällt. Gerade in menschlich heiklen Situationen lassen uns unsere Worte oft im Stich und bewirken Ärger und Verdruss. Es ist sinnvoll, wenn der gewissenhafte Jäger, dem die Vermittlung seines Auftrages und Anliegens selbstverständlich zum Weidwerk gehört, auch für den Fall einer sich ergebenden "Lehrstunde" in Sachen Natur- und Jagdschutz ausgerüstet ist. Die Broschüre "Auf Schritt und Tritt" des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, in der die wichtigsten Gesetzes- und Ausführungsbestimmungen zum Betreten der freien Landschaft zusammengefasst sind, ist sinnvolles Lehrmaterial und kann - weil kostenlos zu beziehen - in einer solchen Situation angeboten und weitergegeben (geschenkt) werden. Das gleiche gilt für das Niedersächsische Naturschutzgesetz, das ich in Form einer kleinen Broschüre z.B. bei der Unteren Naturschutzbehörde erhalte und weitergeben kann. Sehr hilfreich wäre es, wenn man über ein kleines kartoniertes Faltblatt (Postkartengröße für die Vordertasche des Rucksackes oder Brusttasche) mit den Brut- und Setzzeiten verfügen würde, das sich speziell an Hundehalter richtet. Kurze Informationen über die besonders sensiblen Jahreszeiten mit ein zwei Fotos über gerissenes Wild werden ihre Wirkung nicht verfehlen und böten dem Hundeführer zudem Gelegenheit, unser Anliegen eindrucksvoll weiterzutragen. Den Kreisjägerschaften oder Hegeringen sollte an der Ausrüstung ihrer Mitglieder mit solchem Material gelegen sein. Der Jäger, der es auf diese Weise versteht, seinem Anliegen Ausdruck und Nachdruck zu verleihen, wird nicht so schnell in den Verdacht geraten, nur seine Jagdinteressen wahren und Territorien abgrenzen zu wollen, sondern er wird Ansehen gewinnen als Natur- und Tierschützer. Letztlich: So mancher Hundehalter, der seinen Hund ordnungsgemäß im Revier führt und sich beispielgebend verhält, wäre sicher für ein anerkennendes Wort über die Leine dankbar und würde sich gerne an dieses freundliche Signal erinnern. Copyright: Alle Rechte bleiben beim Autor. Andere Verwendungen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung des Autors, 2000. |