Die
Legende erzählt, dass Eustachius ursprünglich Placidus hieß und ein
tapferer Heerführer des römischen Kaisers Trajan war. Er war bei den
Soldaten sehr beliebt, weil er gerecht war und von seinen vielen Gütern
auch an die Armen austeilte. "Während eines Jagens geschah es ihm, dass
er auf der Verfolgung eines gewaltigen Hirsches von den anderen Jägern
abkam.So oft er auch
ansetzte, das Wild zu erlegen, immer wieder entkam es ihm, bis es in
einer Lichtung des Waldes anhielt, mit einem Sprung einen Felsen erklomm
und sich dem Jagenden zuwendete. Placidus legte den Pfeil auf, spannte
den Bogen und wollte das tödliche Geschoss absenden, da gewahrte er
zwischen dem Geweih des Hirsches ein Kruzifix, das funkelte hell im
Widerschein der Sonne. Während er voll Staunen zögerte, hörte er eine
Stimme, die sprach zu ihm: ,Placidus, warum verfolgst du mich? Ich bin
Christus, dem du unwissend bereits dienst. Darum habe ich dich erjagt in
dieses Hirsches Gestalt, auf dass du dich taufen lassest auf meinen
Namen.'" (Melchers 601)
Placidus lässt sich, seine Frau
und seine beiden Kinder, taufen. In der Taufe erhält er den Namen
Eustachius. Christus offenbart ihm, dass er um seines Namens willen viel
zu erleiden habe. Aber er solle tapfer bleiben im Leiden, so wie er es
vorher in vielen Schlachten war. Eustachius erleidet ein ähnliches
Schicksal wie Hiob. Unter seiner Herde brach eine Seuche aus.
Hagelschlag verwüstete die Felder. Von seinen Angestellten wurden viele
durch Fieber hinweggerafft überfallen und angezündet. Bettelarm wanderte
nun Eustachius aus. Mit dem Schiff fuhr er nach Ägypten. Doch der
Schiffsherr forderte als Lohn seine Frau. Gewaltsam ließ er Eustachius
mit seinen beiden Söhnen an Land schaffen. An einem Fluss wurden ihm die
beiden Kinder von wilden Tieren geraubt, von einem Wolf und einem Löwen.
Als Hirten den Löwen mit dem kleinen Kind im Maul sahen, jagten sie ihn.
Da ließ er es aus Angst fallen.
Den Wolf verfolgten Bauern und
entrissen ihm das Kind und zogen es auf. Doch Eustachius bekam das alles
nicht mit. Er stand im Fluss und haderte mit Gott, dass er ihm zuviel
aufgeladen habe. In einem Dorf nahm er Arbeit an und diente als Knecht
15 Jahre lang. Als das römische Reich von zahlreichen Feinden bedrängt
wurde, erinnerte man sich an den einstigen Hauptmann Placidus. Man
suchte nach ihm. Schließlich erkannte ihn ein ehemaliger Soldat an
seiner Narbe. Er wurde wieder in seine Ämter eingesetzt und zog an der
Spitze seiner Soldaten in den Krieg und besiegte den Feind.
Seine beiden Söhne waren
inzwischen erwachsen und dienten im Heer. Zufällig wurden sie bei einer
armen Frau einquartiert. Sie erzählten sich ihre Lebensgeschichte. Und
so erkannten sie in der armen Frau ihre Mutter. Als die Frau zum
Feldhauptmann eilte, um ihn für ihre beiden Söhne zu bitten, da erkannte
sie in ihm ihren Gemahl. Gemeinsam dankten sie Gott, dass er sie durch
alles Leiden hindurch wieder zusammen geführt hat. Mit allen Ehren wurde
nun der erfolgreiche Feldherr in Rom empfangen.
Doch als er sich weigerte, den
Göttern zu opfern, da wurde Kaiser Hadrian, der inzwischen auf Trajan
gefolgt war, wütend und ließ ihn mit seiner ganzen Familie den wilden
Tieren in der Arena vorwerfen. Doch die Löwen taten ihnen nichts,
sondern neigten in Ehrfurcht ihre Köpfe vor Eustachius. So wurden alle
vier in einem eisernen Ofen, der wie ein Stier geformt war, verbrannt.
Doch ihre Leichen blieben unversehrt und wurden an einem abgelegenen Ort
begraben.
Bei Eustachius geht es nicht um
die Wunden einer Krankheit, sondern um die Verletzungen aus der
Lebensgeschichte. Es gibt viele ähnliche Familienschicksale, bei denen
die Menschen alle Hoffnung verlieren könnten. Wir brauchen nur an die
Kriegswirren zu denken, die viele Familien auseinanderreißen, die den
Kindern die Väter nehmen und sie zwingen, allein umherzuirren.
Verkehrsunfälle können Familien zerstören. Ein junger Mann hat seinen
Vater verloren und seine Mutter wurde durch einen schweren
Verkehrsunfall gelähmt. So ist er allein auf sich gestellt und muss noch
für die Mutter sorgen, anstatt bei ihr Geborgenheit und Schutz erfahren
zu können. Eine Frau wurde unehelich geboren und von ihrer Mutter immer
als Schande für sie angesehen. Sie hat nie erfahren, dass sie in dieser
Welt willkommen ist. In solchen und ähnlichen Situationen hat das Volk
zu Eustachius gebetet. Sein Schicksal war ihm Zeichen der Hoffnung, dass
Gott uns in keinem noch so großen Unglück allein lässt. dass Gott auch
hoffnungslose Verwicklungen wieder zum Heil wenden kann.
Äußere Schicksale können uns
innerlich zerreißen. Es gibt aber auch die nach außen hin oft
unscheinbaren Verletzungen aus der Lebensgeschichte. Da wurde eine Frau
von nahen Verwandten sexuell missbraucht. Da war der Vater Alkoholiker
und hat die ganze Familie tyrannisiert und ihr mit seiner
Unberechenbarkeit Angst eingeflößt. Da sind die subtilen Entwertungen,
unter denen viele Kinder leiden. Da sind die Verletzungen, wenn Kinder
ohne Vater aufwachsen, oder wenn sie an Verwandte abgeschoben werden.
Die Legende des hl. Euchstachius will uns das Vertrauen schenken, dass
wir uns mit all unseren Wunden an Gott wenden können, dass wir in Gott
Hilfe finden können. Das Volk hat im Bild des hl. Eustachius darauf
vertraut, dass Gott sich auch um unsere scheinbar hoffnungslosen
Schicksale kümmert und dass er alles zum Guten wenden kann und wird.
Eustachius wird auch generell bei
Eheproblemen angerufen. Und die sind heute häufiger als je zuvor. Es ist
nicht selbstverständlich, dass eine Ehe gelingt. In vielen
Seelsorgsgesprächen stehen die Beziehungsprobleme im Mittelpunkt.
Offensichtlich wird es heute immer schwieriger, eine Beziehung auf Dauer
in fairer und befruchtender Weise zu leben. Wir sind immer unfähiger,
uns durch die Konflikte, die notwendigerweise in jeder Beziehung
auftreten, verwandeln zu lassen. Zu schnell weichen wir dem
schmerzlichen Wandlungsprozess aus und suchen uns eine neue Beziehung.
Oder aber wir überfordern unsere Beziehungen durch zu hohe Erwartungen.
Eheberater berichten, wie verfahren oft die Situationen in einer Ehe
sind, so dass als Ausweg nur noch die Trennung übrig bleibt.
Frühere Zeiten haben in Familien-
und Eheproblemen den hl. Eustachius angerufen. Sie haben offensichtlich
in seiner Legende einen Weg erkannt, wie sie mit den Schwierigkeiten in
Ehe und Familie umgehen können. Wenn wir die Bilder der Legende
tiefenpsychologisch auslegen, kann uns vielleicht auch heute die Gestalt
des Eustachius ein Bild für gelungene Beziehung sein. Zunächst ist
Placidus Jäger. Er will den Hirsch mit seinem Pfeil erlegen. Pfeil ist
Bild für die aggressive männliche Triebkraft, für eine Sexualität, mit
der der Mann die Frau erobern, "erlegen" will. Der geistige und
seelische Bereich in der Partnerbeziehung wird dabei nicht
berücksichtigt. So eine einseitige Sexualität kann keine dauerhafte
Beziehung ermöglichen.
Placidus wird von dem Hirsch
belehrt, dass er letztlich Christus nachjagt, dass Christus das Ziel
seiner Sehnsucht ist. Der Hirsch ist Bild für die Einheit von Leib und
Geist. Und er ist Bild für Christus. Letztlich sehnen wir uns in unserer
Sexualität nach Transzendenz, nach dem Numinosen. Und nur wenn unsere
Sexualität offen ist für die Transzendenz, können wir sie menschlich
angemessen und dauerhaft leben. Aber zunächst erfährt Eustachius das
Gegenteil. Er verliert seinen ganzen Besitz, seinen Status, seine
Heimat. Das Alte trägt nicht mehr. Er kann nicht mehr von außen leben.
Er wird konfrontiert mit seiner inneren Armut und Nacktheit. Frau und
Kinder werden ihm geraubt, die Frau von einem falschen und
herrschsüchtigen Mann, die Kinder von Raubtieren, die für die Triebe
stehen. Frau und Kinder sind immer ein Geschenk, dessen man sich nie
sicher sein kann.
Selbst das Vertrauen auf Gott
schützt Eustachius nicht vor dem Verlust von Frau und Kindern. Er muss
erst den Weg der Trauer gehen, auf dem er mit sich selbst konfrontiert
wird. 15 Jahre muss er seinen Weg allein gehen, einen Weg des Dienstes
und der Armut. Dann erkennt ihn ein früherer Soldat an seiner Narbe. Das
vergangene Leben drückt sich in dieser Narbe aus. Manche Wunden
verheilen. Aber sie hinterlassen Narben. Eustachius, seine Frau und
seine Kinder müssen erst jeder für sich ihren Weg gehen und sich neu
finden. Dann gibt es auch wieder ein neues Miteinander. Sie brauchen auf
ihrem inneren Weg erst die Distanz zur Familie, um sich selber und dann
auf neue Weise die Familie zu finden. Als sie sich finden, erzählen sie
sich ihre Geschichte. Indem jeder von sich erzählt, was er erlebt und
durchgemacht hat, finden sie auf neue Weise zusammen. Jetzt geht es
nicht mehr um Besitz und Ansehen, nicht mehr um die christliche
Vorzeigefamilie, wie sie in manchen Pfarreien zu finden sind und die
auch keine Garantie bieten, dass sie immer zusammenhalten.
Nach all den schmerzlichen
Erfahrungen ist die Familie des Eustachius geläutert. Jetzt ist sie
fähig zu einem neuen Miteinander, zu einer neuen partnerschaftlichen
Beziehung zwischen Mann und Frau, ohne den Schutz von Besitz und gutem
Ruf. Jetzt kann sie auch die Kinder mit neuen Augen sehen, die in diesen
15 Jahren erwachsen geworden sind. Jetzt sind sie fähig, für etwas
Größeres Zeugnis abzulegen, sich vor dem Kaiser zu Christus zu bekennen.
Sie kreisen nicht mehr um sich. Es ist ihnen nicht mehr wichtig, dass
sie sich miteinander wohl fühlen, sondern sie stellen sich gemeinsam in
den Dienst Christi und bezeugen - jeder für sich und doch auch gemeinsam
- , dass Christus die Mitte ihres Lebens ist. Die wilden Tiere neigen
sich vor ihnen aus Ehrfurcht davor, dass sie ihre Triebe integriert
haben. Auch der Stierofen, in dem sie verbrannt werden, kann ihre wahre
Gestalt nicht zerstören. Sie bleiben selbst im Tod noch unversehrt, in
ihrer reinen Gestalt. Das ist ein schönes Bild menschlicher
Selbstwerdung und gelungener Beziehung. Geläutert durch das letzte Feuer
des Martyriums bleiben sie auch im Tod noch vereint, jeder in seiner
ureigensten und unverbogenen Gestalt. Die Meditation der
Eustachiuslegende kann so einen Weg zeigen, mit den eigenen
Beziehungskonflikten und mit der Familiensituation so umzugehen, dass
Verwandlung und Heilung möglich ist, dass jeder ganz er selbst bleibt
und dass all die schmerzlichen Erfahrungen etwas Neues und Echtes
hervorbringen können.