zurück

Der Ton macht die Musik
Wie führe ich ein Gespräch mit Spaziergängern im Revier?

von
Rolf Adler

Als Jäger haben wir uns in zunehmendem Maße um das Image der Jagd zu bemühen. Wir haben die aus unserer Passion erwachsenden Leistungen, Verdienste und Erfolge in den Bereichen Biotop- und Artenschutz öffentlich zu machen und darauf hinzuweisen, dass eine verantwortungsvolle Jagd so sinnvoll ist, wie ökologischer Landbau oder eine Waldwirtschaft, die über Monokultur und Kalschlagswirtschaft hinausgewachsen ist. Grundsätzlich ist die Öffentlichkeit heute mehr denn je bereit, Argumente für den Umwelt- und Naturschutz zu hören, da die Sensibilität für die den Natur- und Artenschutz ständig gewachsen ist. Das Imageproblem der Jagd hat seine Ursache nicht in fehlenden Argumenten, sondern im Umbruch unserer Gesellschaft; Traditionen und überlieferte Rechte werden verstärkt hinterfragt und sind deswegen modern und zeitnah und zum Teil neu zu begründet und im öffentlich-kritischen Bewusstsein zu verankern.

 

Alte Privilegien reichen zur Begründung der Jagd nicht mehr aus

Leider machen Teile der Öffentlichkeit allzu oft die Erfahrung, dass Jäger der erwarteten Begründung ihres Tuns im öffentlichen Gespräch unbeholfen gegenüber stehen. Mit lockerem Hals zetern viele Weidgesellen über die "Grünen" und merken nicht, wie sie gerade damit vordergründigen Argumenten gegen "die Jägerschaft" Vorschub leisten. So manche Arroganz, die im Kreise Gleichsinnter erlaubt scheint, wirkt sich in der Öffentlichkeit fatal und schädigend aus. Die beharrliche Inanspruchnahme übertragener Rechte und Privilegien im Rahmen der Jagd reicht heute zur Begründung des Weidwerks nicht mehr aus.

Erschreckend ist angesichts dieser Sachlage, dass in unvermittelten Situationen unklug und  töricht den sich anbietenden Teilöffentlichkeiten (Spaziergängern, Familien, Radfahrern) begegnet wird. Die Chancen einer positiven Begegnung mit der Jagd und den damit verbundenen Erfordernissen werden zu wenig genutzt. Öffentlichkeitsarbeit ist kein Privileg derer "da oben". Sie beginnt und endet nicht mit Artikeln in der Fachliteratur, nicht mit Jagdhorndarbietungen auf Herbstmarkt, Gewerbe- und Hegeschau. Sie beginnt in dem Augenblick, in dem ich als Jäger an meiner Kluft erkennbar aus meiner Wohnung trete und durch Hund und Waffe meine Passion öffentlich mache. Allein wie ich Flinte oder Büchse die paar Meter zum Auto führe, hat Wirkung. Die Flinte gekippt, an den Läufen gepackt und dabei locker-lässig nach Schießstandmanier auf der Schulter drapiert, mag im Katalog schneidig wirken (?). Auf die Mutter, die ihre Kinder im Garten oder auf der Strasse halbwegs sicher wissen möchte, wirkt solch lässiger Jäger instinktiv beunruhigend.

Es sind besonders die spontanen Begegnungen mit Pilzsammlern, Spaziergängern, Reitern, Radfahrern, Wanderern die hier zur Herausforderung werden. Eine durchs Unterholz brechende Spaziergängergruppe ist, auch wenn ich gerade eingestochen oder meinen Lebenshirsch im Zielglas habe, Teilöffentlichkeit, ein Multiplikator, dessen Einfluss ich zwar nicht sofort ausrechnen kann, den ich aber gerade deswegen nicht unterschätzen sollte.

 

Sie wissen doch, dass sie hier nicht spazieren zu gehen haben?!

Ein Erlebnis aus allerjüngster Vergangenheit, durch das ich zu diesen Überlegungen veranlasst worden bin, mag veranschaulichen, was gemeint ist:

Ich gehe an einem Sonntagnachmittag mit meiner Familie durch ein fremdes Revier. Meine Frau und die Kinder möchten Moos für die Weihnachtskrippe sammeln. Der Achtjährige zeigt sich ausgesprochen interessiert. Es steht für mich nicht in Frage, dass er einmal zu einem differenzierten Bild über die Jagd kommen wird.

Da der Waldgang auf schönem Weg allen Freude bereitet, vertrödeln wir uns und kehren erst bei Einbruch der Dämmerung um. Auf einmal kommt unser Sohn mit gequältem Gesichtsausdruck zurück. Er war in einen Graben getreten, ein Stiefel war vollgelaufen. Die Mutter drängt nun zum eiligen Heimweg. Wir wählen den kürzeren Weg quer über eine Brache. Als wir den angrenzenden Weg erreicht haben, tritt und aus dem Dunkeln eine kugelige Gestalt entgegen. Sie schiebt mächtig Weiß vor sich her und stemmt die Hände in die Seiten. 

"Wo kommen sie her?!", nimmt er uns sofort scharf verbal an. 

"Wir haben einen Spaziergang gemacht." 

"Soooo, einen Spaziergang - ?! Sie wissen doch wohl, dass sie hier keine Spaziergänge zu machen haben?" 

Das wissen wir natürlich nicht, denn es ist Blödsinn. Der vergrämte Jagdmann lässt nicht locker.

 "Ich sitze hier und will schießen, und da drüben sitzt noch jemand, der will auch schießen. Ihre Autonummer habe ich mir notiert." 

Wir lassen den Gifter stehen und setzen unseren Weg fort. Ich bin brastig, meine Frau stumm unsere Kinder verschreckt. Noch 14 Tage danach kann unserer achtjähriger Sohn die Worte des Fremden annähernd wörtlich wiedergeben.

Dieses Beispiel dürfte kein bedauerlicher Einzelfall sein. Im Falle einer Begegnung liegt es zuerst und zunächst an uns Jägern, welchen Eindruck "die Öffentlichkeit" aus dem Revier trägt. Man rechne sich aus, welchen Einfluss Lisa Waldluft auf die öffentliche Meinung hat: sie trägt das Erlebnis in die Familie, zu den Kränzchenschwestern, erzählt es im Wartezimmer und im Bibelkreis der Kirchengemeinde. Und sie berichtet entweder von einem liebenswürdigen Jägersmann, dem sie das Wild vergrämte, so dass der Arme ganz umsonst da gesessen und gefroren hat, oder von einem grünen Monster, von dem sie beleidigt und bedrängt worden ist, und von dem man ja nicht wüsste, wozu er mit seinem Schiessgewehr noch in der Lage sei.

Nun ist niemand zu jedem Zeitpunkt und in jeder Lage einer unverhofften Begegnung im Revier gewachsen. Ärger, Frust, Müdigkeit, das Wetter und das Zipperlein lassen uns jeden Tag anders empfinden und auch reagieren. Deshalb sollten wir uns Grundregeln erarbeiten und sie uns immer wieder ins Bewusstein trainieren. Es hat seinen Sinn, dass menschlich heikle Situationen z.B. von Polizisten immer wieder trainiert und analysiert werden. Ein Art Verhaltenstraining sollten wir uns auch in ruhiger Minute auf Leiter oder Kanzel zumuten.

Situation:

Ich sitze seit eineinhalb Stunden an. Das Büchsenlicht schwindet merklich. Das betagte Stück Kahlwild kommt nur sehr zögerlich auf Schussentfernung. Jetzt zieht es auf mich zu. Ich nehme es ins Zielglas. Plötzlich wirft es auf und springt in hoher Flucht ab. Lachend und albernd kommt eine Familie durch Unterholz, die Kinder spielen Waldgeist und haben großes Vergnügen an der "schauerlichen" Dämmerung.

 

Bin ich zum Gespräch bereit?

Nur wenn ich jetzt die innere Bereitschaft zu einem freundlichen und konstruktiven Gespräch habe, sollte ich mich überhaupt bemerkbar machen. Ich werde an diesem Abend keine Stück mehr zu Gesicht bekommen, daran wird jetzt auch ein Gezeter mit den Störern nichts ändern. Es liegt jetzt an mir, ob ich meine Anwesenheit nutzen will, um am Image "der Jäger" zu arbeiten. Neige ich zu verbalen Angriffen gegen die Störer, verhalte ich mich ruhig und warte, bis die Ursache für meinen Verdruss abgezogen ist. Appellpädagogik, der man den unterdrückten Ärger anmerkt, führt zu nichts. Geradezu zerstörerisch wäre ein offener Angriff gegen die fröhliche Schar.

Entscheide ich mich für die Begegnung, stellt sich sich die Frage:

 

Wie eröffne ich das Gespräch?

Es wäre falsch, die Spaziergänger durch meinen Auftritt unter Legitimationsdruck zu bringen. Ich habe ohnehin Autorität (Waffe, Hund). Die durch Waffe und Hund ausgelösten Assoziationen sind zunächst negativ, weil bedrohlich. Die Gesprächseröffnung: "Was machen sie denn hier", heißt: ich darf euch fragen, warum ihr im Wald seid. Je nach Charakterstruktur würde sich mein Gegenüber nun unterwerfen und verbal in die Defensive begeben: "Wir wollten doch nur ...", oder aber zum Gegenangriff übergehen: "Was geht sie das denn an ...?". In beiden Fällen ist kein konstruktives Gespräch unter Erwachsenen mit unterschiedlichen Interessen bei gleichen Rechten angebahnt, sondern eine Über- und Unterordnung und damit ein Machtkampf.

Eine echte Begegnung beginnt mit einer freundlichen Begrüßung. Ein "guten Tag" oder "guten Abend" reicht hier völlig aus, das jägerinterne "Weidmannsheil" ist zu vermeiden, es verursacht Verlegenheit. Die Frage, ob meine Gegenüber vielleicht Angst vor dem Hund haben, signalisiert Fürsorglichkeit. Wird diese Frage bejaht, lege ich den Hund in einiger Entfernung ab. Der gehorchende Hund wird einen bleibenden, positiven Eindruck hinterlassen. Dann stelle mich vor. Wer seinen Namen nennt, hat keine bösen Absichten.

Das Gespräch:

Vom Verlauf der nächsten Minuten wird es abhängen, wie die von uns bewusst herbeigeführte Begegnung verläuft. Sind Kinder mit von der Partie, spreche ich sie an. Allerdings darf ich ihnen niemals zu nahe zu treten (nicht anfassen oder gar auf den Arm nehmen!). Auf meine Frage, ob sie denn schon ein Reh gesehen hätten, werden die Kinder bereitwillig antworten. Wer mit Kinder spricht, ohne ihre Person zu missachten, hat oftmals die Eltern gewonnen. Ist man mit einem Kind im Gespräch, sollte man sich immer wieder des Einverständnisses des Erziehungsberechtigten vergewissern. Vor allem, wenn vom begeisterten Jungen die Frage nach der Waffe gestellt wird. Hier ist Zurückhaltung geboten! Niemals erwecke ich den Eindruck, für das Gewehr begeistern zu wollen oder ein Waffennarr zu sein ("Ich habe zuhause noch vielmehr!"). Viele Eltern fürchten solche Begeisterung zu Recht und aus guten pädagogischen Gründen. Auf etwaige Fragen wird sachlich und verständlich geantwortet. Als bewusste Ablenkung der Kinder vom heiklen Thema "Waffen" dient der Blick durch das Glas. Ich überlassen dem Kind ruhig dieses interessante Werkzeug. Die Eltern werden uns diesen pädagogischen Kunstgriff danken und wir gewinnen Raum für ein Gespräch mit den Erwachsenen.

Jägerlatein vor Kindern ist unangemessen und bange machen im Wald gilt schon gar nicht. Kinder unter zehn Jahren verstehen keine Ironie; sie nehmen uns wörtlich. Eltern reagieren sehr empfindsam auf unseren Umgang mit den Kleinen. Wir sollten dies immer berücksichtigen, um pädagogisch verantwortungsbewusste und ambitionierte Eltern nicht zu verärgern.

Vorbereitet sein müssen wir uns auf die unmittelbare und oft verblüffende Anteilnahme von Kindern am Geschick der "kleinen Rehe und Häschen". Unsere Aufgabe ist es, so manches "Rehlein und Häslein" zu strecken, d.h. in den Augen der Nichtjäger, zu erschießen. Auf die Frage, warum man denn Tiere erschieße, sollten wir gute Gründe nennen können. Dass Bär und Wolf krankes Wild nicht mehr schlagen, dass Luchs und Adler die Bestände nicht mehr lichten und so zu gesunden Wilddichten beitragen, wird in der Regel verstanden. Hilfreich ist der einschränkende und lehrreiche Hinweis, dass Hegeabschüsse Vorrang haben. 

Geht ein Gespräch in diese Richtung, dann sind wir mitten in dem, was wir Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege nennen können. Wir sollten dabei nicht versuchen, über die Realitäten hinwegzutäuschen. Man soll die Wahrheit pädagogisch aufbereiten, und man kann Informationen in verdaulichen Portionen weiterreichen, an der Wahrheit kommt man allerdings nicht vorbei. Und die heißt für das Weidwerk: Selektion durch Büchse, Flinte und Fallen.

Das Ziel:

Eine freundlich eingeleitete Begegnung soll ein lockeres Gespräch ermöglichen, in dessen Verlauf unser Familie selbst zur Einsicht kommt, dass sie dem Weidmann ins Gehege gekommen ist. Unter Pädagogen gilt solche Einsicht als der größte Erfolg, den man sich wünschen kann. Wichtig ist, dass wir uns nicht zu Belehrungen hinreißen lassen, auf die unser Gegenüber nicht eingestellt ist. Belehrung ersetzt Einsicht nicht! Psychologisches Fingerspitzengefühl ist hier gefragt. Kein Vater wird sich vor seinen Kindern wie ein Schuljunge behandeln lassen.

Wenn's trotzdem schief geht?

Nun kann man sich seine Strategien der kleinen Öffentlichkeitsarbeit mit großer Wirkung zurechtlegen, man kann einfühlsam und mustergültig mit den Kindern reden und die Symphatie der Mutter im Fluge erobern schief gehen kann unsere Interaktion immer. Da müssen sich Vater und Mutter nur kurz vorher gestritten haben, weil das Töchterchen wieder nörgelte, schon bewegen wir uns trotz guter Vorsätze auf sehr brüchigem Eis. Und nach zwei drei Sätzen merken wir, dass wir vom Vater der Familie versteckt oder unverhohlen und immer schärfer angenommen werden. In solch einem Fall müssen wir uns nicht verstecken und duckmäusern. Es wäre völlig gegen unsere Intention, wollten wir uns als Kneifer davonschleichen, um nur kein Porzelan zu zertöppern. Das Recht ist ja auch auf unserer Seite. Nur sollten wir uns um Schadenbegrenzung bemühen. Es macht überhaupt keinen Sinn, an der Eskalation der sich anzeigenden Streitlust mitzuwirken. Deeskalation ist auch hier angesagt. Und geordneter Rückzug das Vernünftigste. Wir müssen es vermeiden, unserem irgendwo abgelegten aber noch schwelenden Frust nun freien Lauf zu lassen. Manchmal gelingt es, schon dem Minenspiel der Angesprochenen deutliche Zeichen zu entnehmen. Zwar legen wir Menschen keine Ohren mehr an und sträuben nur unsichtbar die Nackenhaare, aber Blick und Gestik verraten dennoch viel. Stellt sich jemand breitbeinig und mit verschränkten Armen vor uns auf, dann erwartet er von uns nichts Gutes. Es hängt nun von unseren Fähigkeiten ab, die Verschränkung zu lockern. Spüren wir angesichts solch demonstrierter Ablehnung innere Hemmungen und auch Furcht, sollten wir mit verbindlichem Gruß vorbeiziehen. In keinem Fall sollten wir nun unserem Ärger Luft machen und den Störer stellen. Es gilt nicht, den Platzhirsch zu spielen, sondern Einsichten zu ermöglichen.

So mancher heimiche Freund von Leitersägern und Kanzelkippern wurde geboren, weil Jäger sich  vergaßen und - in Ermangelung des Erntebockes - einen vermeintlichen Sündenbock passioniert aber ungerecht annahmen. Wir haben das Weidwerk rational zu begründen und sollten dabei auch den Teilöffentlichkeiten möglichst rational begegnen.

 

Copyright: Alle Rechte bleiben beim Autor. Andere Verwendungen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung des Autors, 2000.

zurück