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Ruhe bewahren!

von Rolf Adler

Situation:

Ich habe gerade meinen ersten Bock im neuen Jagdjahr gestreckt. Es ist ein schöner Maiabend, ich hege keine Zweifel hinsichtlich der Richtigkeit meines Tuns. Der leicht zurückgesetzte und deutlich ergraute Sechser war mir schon im vergangenen Jahr aufgefallen. Aus Jägersicht ist alles in allerbester Ordnung. Der Bock bekommt seinen letzten Bissen und meinem Taschenhorn entlocke ich ein gutgemeintes "Reh-tot!".

Nach dem ich den Bock an den Ackerrand gezogen haben, beginne ich mit der Versorgung des Stückes. Das Messer findet sicher seinen Weg, bald kommt mir das unversehrte Gescheide voll entgegen ...

Als ich aufschaue, nehme ich ein älteres Ehepaar wahr. Es steht in 20 Metern Entfernung und äugt mich und mein Tun merklich angewidert an. Ehe ich etwas sagen kann, entfährt der rüstigen Mitsiebzigerin ein scharfes: "Was soll denn das werden?!"

Jetzt gilt es!

Es ist sofort klar, dass ich nach dieser "Begrüßung" keine Sympathie zu erwarten habe. Die Frau hat durch ihre scharfe Anfrage die Initiative ergriffen. Ich bin überrascht und psychologisch im Nachteil. Mein vom Schuss bis zur Versorgung tadelloses Weidwerk steht plötzlich und unvermittelt, dazu noch in "meinem Revier" infrage. Der verbale Abgriff der streitbaren Spaziergängerin steht in direktem Gegensatz zu meinem Glücksgefühl. Jetzt erfordert es große Disziplin, um die Situation zu meistern; ich stelle mich.

Um meiner Kritikerin erst einmal ein Gegenüber zu werden, lasse ich meine Arbeit ruhen und richte mich auf. Mit einem beiläufigen Gespräch, während ich das Stück weiter versorgte, käme ich in diesem Fall nicht weit. Solche Beiläufigkeit würde möglicherweise falsche Schlussfolgerungen provozieren: entweder würde die Frau Desinteresse an ihrem entrüsteten Einwand vermuten, dann wäre sie möglicherweise beleidigt und würde schärfere Angriffe folgen lassen, oder aber sie würde Furcht vermuten, was sie ebenfalls zu weiteren verbalen Angriffen reizen könnte. Wende ich mich der Kritikerin aber offen zu, erfährt sie durch meine aufrechte Präsenz Aufrichtigkeit und das körperliche Signal, dass ich mich nicht verstecke und auch nichts zu verbergen habe. Ich gewinne in diesem Augenblick psychologisches Terrain zurück. Nun muss ich verbal die Initiative ergreifen.

Das größte Problem dürfte im Falle dieser Begegnung meine eigene Enttäuschung sein. Ich war vor wenigen Augenblicken zufrieden mit mir und meiner Situation. Ich habe meiner Freude über den jagdlichen Erfolg durch das Horn laut Ausdruck verliehen. Ich habe es in die Welt "hinausposaunt", dass ich ein guter Jäger bin. Und plötzlich stehe ich unversehens als Getadelter da. Das ist ungerecht; darüber ärgere ich mich. Und mein Ärger wird umso heftiger, je mehr ich davon Wind bekomme, dass ich von der Spaziergängerin wie ein dummer Junge behandelt worden bin, der etwas Unartiges getan hat. "Was soll denn das werden?!" - hinter dieser Frage steht nicht die Bitte um Information, sondern eindeutige Missbilligung. Hier wendet sich die tadelnde Mutter an das unartige Kind. Hier spricht das Eltern-Ich (Darf man denn Tiere totmachen?).

Es kommt nun darauf an, dass ich mich nicht in die Rolle des Kindes drängen lassen. Mit einer trotzigen Reaktion (Das geht sie gar nichts an!) hätte ich aber schon die mir nahegelegte Kind-Rolle übernommen.

Ich reagiere erwachsen

Als erwachsenes Gegenüber, das sich seiner Arbeit und seiner Situation nicht schämen muss und will, kann ich mich auf vielerlei Art behaupten. Ich kann die tadelnde Frage sachlich beantworten: "Ich versorge einen Rehbock, den ich eben erlegt habe. Ich bin der Jagdpächter / ich bin hier Jäger." Damit ist Sachlichkeit angebahnt und Legitimation des Handelns signalisiert. Die Reaktion wäre dann abzuwarten, denn nachdem ich mich dem Tadel nicht untergeordnet habe, ist mein Gegenüber aufgefordert, sein Anliegen sachlich zu verstärken. Beginnt aber nun die Auseinandersetzung um die Sache, bin ich als Fachmann im Vorteil und dürfte Herr der Situation bleiben.

Möglich ist auch eine freundliche Gegenfrage um deutlich zu machen, dass ich mir die Initiative, auch die Gesprächsinitiative in "meinem Revier" nicht nehmen und mich vom unverhohlenen Tadel nicht beeindrucken lasse: "Machen sie hier einen Spaziergang? Sehen sie so etwas zum ersten Mal?" Damit zeige ich Stärke ohne Drohung und vermittle die unausgesprochene Botschaft: Dein Tadel, liebe Frau, ist unangemessen. Darauf gehe ich nicht ein. Du hast mich nicht wie ein unartiges Kind zu behandeln.

Haben sich die Kontrahenten schließlich durch deutliche Signale darauf geeinigt, einen Disput unter Erwachsenen zu führen und keinen Machtkampf auszufechten, sondern vielmehr um die Sache zu ringen, dann kommt irgendwann der Augenblick, an dem ich als Angefragter endlich dem Anliegen der Frau Raum geben kann. Thema wird nun sein, warum der Spaziergängerin ein erlegtes und halb versorgtes Stück Rehwild ein Problem ist. 

Fehlt es ihr an Einsicht in den Sinn der Jagd? Hat sie, z.B. als Städterin, ein ästhetisches Problem mit herausquellendem Gescheide und Schweiß? Empfindet sie - unmittelbar und ehrenwert - Mitleid mit der verendeten Kreatur? 

Ich sollte als Jäger bedenken, dass Einsichten und neue Ansichten immer Produkt eines Lernprozesses sind, zu dem auch diese Frau nun durch meine Hilfe erste Schritte tun könnte. Auch muss eine unbeholfen und giftig geäußerte Kritik (auch unter den Menschen gibt es Angstbeißer) nicht von schlechter Absicht und unbelehrbarer und ideologisch betonierter Gesinnung zeugen. Eine gefühlsmäßig explosive Situation wird am ehesten durch Inhalte versachlicht.

Nimmt das Gespräch solche Richtung und diskutieren wir am Ende engagiert aber in sachlicherer Atmosphäre Gründe für und gegen das Weidwerk, dann war die Begegnung für beide Seiten eine Bereicherung. Auch wenn man am Ende auseinandergeht, ohne sich in allen Fragen geeinigt zu haben. Manchmal kommt man eben über den anfänglichen Austausch von Standpunkten nicht hinaus. Es ist gut, wenn man überhaupt Standpunkte ausgetauscht, d.h. wirklich miteinander gesprochen hat. Das Wichtigste aber ist gelungen, wenn weder meine Kritikerin noch ich psychisch weidwund abziehen, um sich verbal geschlagene Wunden zu lecken.

Copyright:  Alle Rechte bleiben beim Autor. Andere Verwendungen bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung des Autors, 2000.

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