Jäger fühlen sich durch öffentlich ausgetragene Kritik am Weidwerk mehr denn je in Frage gestellt und stehen z.T. erheblich unter Druck. Die öffentliche Kritik läuft ihrer Passion und ihrem Engagement entgegen, das verursacht Enttäuschungen. Die Folge ist Frustration, die an den Nerven zerrt und die Freude am Weidwerk trübt. Einmal unter solchen Druck geraten, reagieren viele Weidgenossen empfindlich gegen jede Art von Störung, sei es in der Presse, sei es im Revier oder sogar unter Gleichgesinnten. Zu beobachten sind zunehmende Gereiztheit und gesteigerte Aggressivität. An jedem Klönabend kommt das Thema Öffentlichkeit engagiert, oft aber wenig differenziert auf den Tisch. Das Ergebnis sind oft festgeklopfte Vorurteile und Vorbehalte gegen jede Art von Besucher(in) im Revier. Auf solchem Boden aber kann keine erneuerte Akzeptanz des Weidwerks gedeihen. Und solchermaßen hitzig gemacht, könnte folgende im Grunde harmlose Begegnung böse ins Auge und der Schuss nach hinten los gehen. Situation:
Für mich als Jäger tut sich nun ein weites Feld an Reaktionsmöglichkeiten auf. Leicht könnte ich dem Radfahrer zeigen, wer hier Herr im Hause ist. Er ist ganz offensichtlich von meiner Gegenwart beeindruckt. Er hat Problembewusstsein, er seine Fahrt unterbrochen und sogar leise gesprochen. Er bittet um ein Zeichen meinerseits. Welches Zeichen bin ich nun bereit, ihm zu geben? Reagiere ich produktiv auf den mir entgegengebrachten Respekt? In den kommenden Augenblicken zeigt sich, welche Grundeinstellung ich gegenüber Besuchern im Revier hege und mir ggf. erarbeitet habe. Als "Herr im Revier" könnte ich in diesem Fall ohne viel Aufwand und Mühe meine Interessen durchsetzen und den Radfahrer zum Rückzug bewegen. Vielleicht würde er es mir nicht einmal übel nehmen. Es stellt sich aber die Frage, ob ich in diesem Augenblick so reagieren muss. Gibt es dazu wirklich einen sachlichen Grund? Grundsätzlich hat der Radfahrer das Recht zu seiner Spazierfahrt. Es ist auch gar nicht meine feste Absicht, etwas zu erlegen. Wirklich gestört hat er mich also gar nicht. Er hat bei genauerem Hinsehen sogar kooperatives Verhalten gezeigt, als er bewusst leise sprach und den Hund angeleint führte. Im Grunde hat er Lob verdient, ein Zeichen des Dankes, einen verbalen Hegebruch sozusagen für sein Verantwortungs- und Problembewusstsein. Man müsste ihm sagen, dass man sich über solch umsichtiges Verhalten freue, weil es im Sinne der Jagd und des Wildes sei. Freundliche Sachlichkeit Nur der dumme Hitzkopf wittert hier die scheinbar gute Gelegenheit, Ordnung zu schaffen und das Revier abzustecken. Er wird sich nicht scheren um die vorsichtige Annäherung des Besuchers, auch nicht um sein grundsätzliches Recht, sich in der freien Landschaft aufzuhalten. Innerlich frustriert wird er den Radfahrer spüren lassen, dass er nicht willkommen ist. "Das hätten sie sich auch früher überlegen können", oder "nun ist es sowieso egal, sie haben mir alles verscheucht" sind die harmloseren Ausbrüche solcher Frustration. Mag es sich auch um einen in der Hege vorbildlichen, im Brauchtum wesenfesten und in mancher Theorie beschlagenen Weidgesellen handeln, so hätte er doch vor einer ganz entscheidenden Herausforderung zeitgemäßen Weidwerks versagt. Die Zeiten der Jagd ausschließlich mit Büchse und Wildacker sind vorbei. Das Argument muss gehegt und gesät werden. Dabei ist Sachlichkeit notwendig, d.h. der nüchterne und faire Interessenausgleich zwischen Jägern und Waldbesuchern aller Art. Als Jäger besitze ich das Jagdausübungsrecht, aber nicht Wald und Flur. Ich nehme eine öffentliche Aufgabe wahr, deren Sinn ich auch den verstädterten und traditionsvergessenen Teilen der Öffentlichkeit vermitteln muss. Die Wirkung etwaigen Versagens in dieser Situation kann verheerend sein. Wird der freundliche Radfahrer ungerecht behandelt, d.h. ist er völlig grundlos zum Opfer einer allgemeinen und damit undifferenzierten Abneigung gegen "Störer" gemacht worden, dann wird er dies "den Jägern" sicher nicht vergessen. Es ist das Fatale solcher im Grunde individuellen Fehler, dass derart Angegriffene nun ihrerseits kaum differenzieren. Der Vorwurf mangelnder Sensibilität, Frechheit und sogar Anmaßung wird nicht nur dem Hitzkopf allein angekreidet, sondern "den Jägern". Es ist mithin von allgemeinem Interesse, dass den lautesten Krakeelern gegen die Störer Paroli geboten wird - mit Argumenten versteht sich. Zu dem eben beschriebenen Fiasko muss es aber nicht kommen. Habe ich mir z.B. beizeiten vorgenommen, das Weidwerk allein nicht im hergebrachten Sinne zu betreiben, sondern auch im modernen Sinne zu vertreten und für die Anliegen und Ziele der Jägerschaft und des Jagdschutzes durch Taten, Worte und vor allem mein Verhalten einzustehen, bieten sich mir hier echte Möglichkeiten zu einer positiven Begegnung. Habe ich keine Lust zu einem längeren Gespräch, lasse ich Radfahrer und Hund freundlich passieren: "Fahren Sie ruhig weiter. Vielen Dank, dass sie den Hund an der Leine haben." Der Radfahrer wird weiterpoltern, ich brauche mich um etwaige Stücke nicht mehr zu sorgen und kann mich ganz meiner Ruhe hingeben. Will ich reden, gehe ich auf den Radfahrer zu. Dabei ist Vorsicht bei den Hunden geboten. Ich habe es erlebt, dass ein großer Hund im Anblick meines Hundes seine Führerin vom Rad gerissen hat. Das war eine peinliche Vorstellung. Das Gespräch beginne ich beliebig; Hauptsache ist, dass es in Gang kommt. Vielleicht beginne mit einem interessierten Hinweis auf den Hund (Alter, Geschlecht, Appell etc.) oder auf das geländegängige Mountainbike, dieses grundsätzlich und bei richtigem Verhalten umweltfreundliche Sportgerät. Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Da alle Voraussetzungen für ein entspanntes Gespräch gegeben sind, kann ich abwarten, wie es sich entwickelt. Über meine Absichten im Revier gebe ich offenherzig Auskunft. Der Radfahrer sollte erfahren, warum er in diesem Augenblick keine Störung ist. Ich weise an geeigneter Stelle darauf hin, dass es sich bei anderer Gelegenheit ganz anders verhalten könnte. Ein Jäger, ohne die feste Absicht etwas zu erlegen, wirkt möglicherweise sympathisch und vermittelt indirekt die Erkenntnis, dass es sich ja wohl doch nicht ausschließlich um wütige Schießer handelt, die bei schwindendem Büchsenlicht einfach hinhalten, um in jedem Fall Strecke zu machen. Vertrauen und Offenheit Ein deutliches Zeichen von Vertrauen und Offenheit sind Fragen, die dem Gegenüber schon länger oder grundsätzlich auf dem Herzen liegen. Bei sämtlichen Fragen nach dem Motto: Was ich schon immer einmal fragen wollte..., sollte man hellhörig werden und sie gewissenhaft und ernsthaft beantworten. Man kann sicher sein, dass man jetzt als Fachmann akzeptiert ist. Mehr kann man sich als Jäger im Revier nicht wünschen. In solchen Gesprächen ereignet sich die vielvermisste gesellschaftliche Akzeptanz unseres Standes. Allerdings sollte man sich von der (manchmal naiven) Grundsätzlichkeit solcher Fragen nicht verunsichern lassen. Selbst auf die Frage: "Sagen Sie einmal, warum jagt man eigentlich (warum erschießt man eigentlich Tiere)?", sollten wir ruhig und sachlich antworten. Handelt es sich doch schließlich um die grundsätzlichste Anfrage an das Weidwerk, seitdem durch Domestizierung von Wildtieren der Fleischbedarf über die Haustierhaltung gedeckt werden kann. Über biologische, wald- und landwirtschaftliche Begründungen hinaus, hat auch meine persönliche Jagdphilosophie hier ihren Ort. Allerdings sollte ich sie nur als Argument einsetzen, wenn ich ertragen kann, dass meine Philosophie von meinem Gesprächspartner zur Diskussion gestellt und hinterfragt wird. Manch einer wird schmerzlich feststellen, dass jahrzehntelang tragfähige Begründungsmuster heute nicht mehr überzeugen. Gelingt die Begegnung, wird der Radfahrer zukünftig vielleicht auf die Frage, ob die Jagdschutzverbände anerkannte Naturschutzverbände sein und bleiben sollten, in unserem Sinne Stellung beziehen. Begegnungen nicht immer Stress Begegnungen im Revier müssen nicht immer Stress und Ärger bedeuten. Sie können auch Freude, Chance, positive Aufgabe sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein geglücktes Gespräch, ein kleiner, gelungener, weil verstandener Stehgreif-Vortrag über die Jagd, ein freundlich-dankbarer Händedruck zum Abschied ebenso befriedigend sind, wie ein sauberer Schuss auf ein richtiges Stück. Voraussetzung allerdings ist und bleibt die vorherige grundsätzliche Auseinandersetzung über meine Einstellung zu Teilen der Öffentlichkeit im Revier und die ernsthafte Arbeit an der eigenen Kompetenz. Diejenigen, die nur darauf warten, "Störern" im Revier gehörig den Marsch zu blasen, sollten Bedenken, dass sie dem Weidwerk nicht dienen, sondern schaden, weil sie ständig in der Gefahr stehen, Ursache für Verdruss und die sich vergrößernde Kluft zwischen Jagd und Gesellschaft zu werden.
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