zurück

Die Zeiten ändern sich  

Dass sich die Zeit ändern, gehört nicht gerade zu den aufregenden Lebensweisheiten. Spannender wird es aber, wenn man konkret darüber nachdenkt, wie sich die Zeiten ändern und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.

canto de lepore“ (1575 )

 

Gestern Abend ging ich aus,
Ging wohl in den Wald hinaus.
Saß ein Häslein in dem Strauch,
Guckt mit seinen Äuglein raus;
Kommt das Häslein dicht heran,
Daß mir's was erzählen kann. 
Bist du nicht der Jägersmann,
Hetzt auf mich die Hunde an?
Wenn dein Windspiel mich ertappt,
Hast du, Jäger, mich erschnappt.
Wenn ich an mein Schicksal denk',
Ich mich recht von Herzen kränk
Armes Häslein bist so blaß',
Geh dem Bauer nicht ins Gras!
Geh dem Bauer nicht ins Kraut,
Sonst bezahlst du mit der Haut!
Sparst dir manch Not und Pein,
Kannst mit Lust ein Häslein sein.

 

Dieser Text gehört zum „canto de lepore“, also zum „Lied über den Hasen“. Erstmals erwähnt findet sich diese Volks- oder Kinderlied im Jahr 1575. Der Sach- und Lehrgehalt dieses Liedes ist heute nicht mehr zeitgemäß. Wer wollte Hasen schon als Schädlinge bezeichnen, vor dem die Bauern des Landes zu schützen wären.

Interessant ist mit Blick auf diese Lied aber die Frage, wie in der zweiten Hälfte des 16. Jhd. offensichtlich die Frage nach dem Sinn der Jagd beantwortet wurde. Die Botschaft lautet: Jäger jagen Hasen. Und wenn der Jäger den Hasen schnappt,

dann geht es dem Hasen ans Leben. Die Begründung für die Jagd lautet: Weil Hasen dem Bauern ins Gras gehen und ins Kraut, wird ihnen nachgestellt. Hasen sind potentielle Schädlinge. Und über den Beruf des Jägers erfährt man: Jagd ist eine Art Notwehr. Jägerei hat eine Schutzfunktion. Jäger sind der Freund des Bauern. Und wer der Freund des Bauern ist, der ist auch der Freund der Menschen. Jagd ist wichtiges, verantwortliches solidarisches Handeln. 

Dass dieser Text nebenbei auch eine starke feudalkritische Komponente hat und hoch politisch ist, sei am Rande bemerkt. In Zeiten, in denen die Jagd feudalherrliches Privileg war, mutet die hier beschriebene gemeinnützige Zweckzuweisung revolutionär an. Zumindest aber ist sie eine erinnernde Mahnung gegenüber jenen Junkern, die über die Jagdfreuden die Jagdpflichten vergessen hatten.

Was passiert, wenn Mutter oder Vater dieses Lied singen? Die Kinder hören, lernen und formen sich ein Weltbild. Das Lernklima ist geprägt durch häusliche Vertrautheit. Es herrschen Zutrauen und so eine große Bereitschaft, das Gehörte aufzunehmen. Wir blicken auf eine angstfreie Lernsituation. Eine solche Lernsituation ist auch nach heutigen pädagogischen Gesichtspunkten die ideale Bedingung, um Inhalte nachhaltig und prägend an Kinder weiter zu geben.

Wie sich die Zeiten allerdings geändert haben, das erfährt, wer einen modernen Text neben das Lied vom Hasen hält. Dieser Text entstammt der Feder von Bildungsfachleuten, die in der Bund-Länderkommission für Bildungsfragen darüber nachdenken, wie Bildungsprozesse in unserer Gesellschaft rahmenpolitisch gefasst werden sollen. Der DJV beruft sich auf seiner Internetseite auf diesen Text, um seinen Lehrangebot „Lernrort Natur“ zu verorten:

„Kommunikative und kooperative, anwendungsbezogene und partizipatorische Fähigkeiten sowie ethische Orientierungen im Sinne der Nachhaltigkeitsidee entwickeln sich am ehesten in praktischen umwelt- und entwicklungspolitischen Vorhaben. In diesem Sinne sind Lernprozesse mit lokalen, regionalen oder internationalen Kampagnen, Programmen und Projekten zu verbinden.“

Man sieht, dass sich die Zeiten gründlich geändert haben. Die Verantwortung und gute Tat des Jägers wird heute kaum noch durch die Familie weitergeben. Die Verantwortung für Sinn- und Recht des Weidwerks ist heute der stellvertretenden Vermittlung durch Institutionen (meist Jägerschaften) überantwortet. Bezüge und Verbindungen werden rahmenpolitisch angemahnt und kompliziert angebahnt. War Jagd einst eingebunden in elterliches Wissen und Tun, hatte die Jagd damit Anteil an einem „natürlichen“ Lebens- und Lernraum, so stellt sich heute die Aufgabe, die Vermittlung von jagd- und naturschutzrelevanten Inhalten und Anliegen aufwendig zu organisieren. Was einst spielerisch vermittelt wurde, das haben Kinder behalten und dem Inhalt vertraut. Heute müssen pädagogische Institutionen in öffentlichen Räumen und öffentlichen Diskussionsprozessen (Diskursen) zunächst einmal glaubwürdig machen, dass die Botschaft vertrauenswürdig ist.  

Wir stoßen darum allenthalben auf Versuche, distanzierte Belehrung wieder mit Erfahrungsmöglichkeiten zu beleben (Lenrort Natur, Infomobile etc.). Wir stoßen dabei allerdings auf das Phänomen, dass die bildungspolitisch vorgehaltenen pädagogischen Räume von unterschiedlichen Interessengruppen mit gleichem Anspruch aber durchaus entgegen gesetzter Zielrichtung besetzt werden.  

Jagdverbände verwenden große Mühen und viel Engagement darauf, den zahllosen gesellschaftlichen Belehrungen über die Jagd authentische Erfahrungen beizuordnen. Kinder werden in den Wald eingeladen, Wald- und Feldtiere werden in Erinnerung gerufen, oft genug aber zum ersten vorgestellt. Der unauflösliche Zusammenhang von Leben und Tod wird behutsam erläutert, weil der Tod weitestgehend unsichtbar gemacht worden ist.  

Jäger tun das in der Hoffnung, familiale und institutionelle Bildungsangebote in ihrem Sinne ergänzen zu können, um so einer Wirklichkeitsverengung und einem Wirklichkeitsverlust entgegenzuwirken, der nicht nur für das organisierte Weidwerk schädlich, sondern gesamtgesellschaftlich höchst bedenklich ist. 

Wenn wir uns als moderne Jägerinnen und Jäger mit dem Thema Jagd und kritische Öffentlichkeit beschäftigen, dann geht es angesichts dieses Befundes nicht zuerst um die Frage, wie wir den Streit mit Jagdgegnern und Jagdkritikern bestehen können. Es geht vielmehr (und anspruchsvoller) um die Frage, wie wir strategisch angemessen handeln, um unser Anliegen gesellschaftlich zukunftsweisend zu verankern und voranzubringen. Es geht darum, wie wir formale Bildungsrahmen mit Leben füllen. Wie wir einer Wirklichkeitsverengung und einem Wirklichkeitsverlust entgegen treten, die mit der nehmenden Entfremdung von menschlichem Lebensgewohnheiten und natürlichen Gegebenheiten ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen hat. 

Das von uns oft bemühte Stichwort der „kritische Öffentlichkeit“ sollte darum nicht in erster Linie mit organisierte Jagdgegnerschaft oder auch nur einer diffusen ablehnenden Haltung gegenüber der Jagd identifiziert werden. Sondern mit dem Begriff „kritische Öffentlichkeit“ beschreiben wir angemessener einen gesellschaftlichen Zustand, in dem Erfahrungen mit der Jagd und mit der Natur kaum noch zum vertrauten Lebens- und Lernraum derer gehören, auf deren Zustimmung wir angewiesen sind und sein werden. Wir müssen erklären, was wir tun! Wir müssen erklären, warum wir etwas so tun und nicht anders. Wir können immer weniger erwarten, dass man uns ohne aufwendíg pädagogische Strategie als Teil einer sinnvollen Gesellschaftsstruktur betrachtet, akzeptiert und uns die gewünschten Handlungs- und Verantwortungsräume überlässt.  

Der Verlust vertrauter Universen 

Was hat dieser gesellschaftliche Trend zu mehr Strategie und weniger Tradition, zu mehr Kalkül und weniger Spontaneität, zu mehr distanzierter Rationalität und weniger fröhlichem Erleben nun mit uns Praktikern der Jagd zu tun? Mit uns, die wir am liebsten im Revier das tun, was wir am besten können, nämlich Hegen und Jagen?  

Die Räume, in denen wir jagen, in denen wir uns engagieren, in denen wir uns durch Symbole, Farben und Sprache einander unhinterfragt verständigen können, sind öffentlicher geworden. Die Zahl der Menschen, die nicht mehr oder nicht sofort verstehen, was wir tun und wollen, die aber dennoch eine Meinung dazu haben, die uns beobachten und Auskunft haben wollen, wird größer. Die Zeitgenossen, die Brat- und Bockwurst zwar in erreichbarer Nähe wissen wollen, die aber erschrocken reagieren, wenn sie vergegenwärtigen, dass jedes Fleisch einmal lebte, ein Tier mit Augen und Fell gewesen ist, sind durchaus meinungsfrohe Repräsentanten eines Wirklichkeits- und Zusammenhangverlustes, der zeitweilig ans Absurde grenzt.  

Dieser Umstand ist nicht auf den strategischen Erfolg gut organisierter Jagdgegner zurückzuführen. Er hat auch nichts damit zu tun, dass unser Handeln und unser Anliegen mit gesellschaftlichen Notwendigkeiten unvereinbarer geworden wäre. Sondern die Tatsache, dass wir als Jagdorganisationen mit Widersprüchen, Wissens- und Verstehenslücken konfrontiert sind und diese Lücken um unserer eigenen Zukunft willen füllen und überbrücken müssen, ist eine Erscheinung einer sich grundsätzlich verändernden öffentlichen Ordnung.  

Heute ist es so, dass nicht nur politische Ordnungen sich wandeln, sondern auch soziale, ethische und funktionale Grenzen durchlässig werden. Grenzen zwischen Kulturen, zwischen Nationalstaaten, zwischen Berufsständen, zwischen Weltbildern werden durchlässiger für andere und z. T. fremde Deutungs- und Interpretationstraditionen. Für Jägerinnen und Jäger in Europa heißt das z.B., dass  niemand wissen kann, was von der Tradition unseres Jagdwesens im Prozess europapolitischer Phantasien (und Phantastereien) übrig bleiben wird. Wir wissen nicht, ob die Abgeordneten aus Portugal oder Litauen ein Gespür dafür aufbringen werden für die Notwendigkeit eines gut organisierten Jagdwesens in einem Hochtechnologieland, wie Deutschland es ist. 

Wir wissen, dass auch andere bisher wesentliche gesellschaftliche Institutionen im internationaler werdenden Kontexten an Legitimität verlieren. Die Kirchen haben das jüngst an der Entscheidung der Europaabgeordneten zu spüren bekommen, keinen Gottesbezug mehr in die Präambel zur europäischen Verfassung aufzunehmen. Was das mit der Lebenswirklichkeit und dem Lebensgefühl der Menschen Mitteleuropas zu tun hat, sahen wir in diesen Tagen in Rom. Menschen nahmen riesige Strapazen auf sich, um einem religiösen Symbol, dem verstorbenen Papst, nahe zu sein. Die politische Weltelite reiste zur Messe an. In der Europaverfassung aber ist nicht einmal Platz für das Wort, aus dem diese religiöse Wirklichkeit seit Jahrtausenden Kraft und Legitimität bezieht - Gott. 

Traditionelle Verantwortlichkeiten und Deutungsmuster werden in den vor uns liegenden kulturübergreifenden Prozessen schwerer steuerbar und verortbar. Und sie sind damit auch schwieriger aktivierbar und gesellschaftlich abrufbar. Der Zugewinn an politischer Wahl- und Orientierungsfreiheit in der persönlichen Lebensplanung wird von vielen Menschen nicht nur als Freiheitserlebnis erfahren, sondern in ebenso großem Maße als Bedrohung. Orientierungsinstabilitäten und Wertewandel bedeuten immer auch einen Verlust an Lebensqualität und –sicherheit, weil die Frage nach dem Wozu weniger von kulturellen Stützinterpretationen und -strukturen beantwortet wird.   

Wozu der Blick auf diese Entwicklung?  

Die kritische Öffentlichkeit, mit der wir es als Jägerinnen und Jäger zu tun haben, ist zukünftig mindestens europaweit, wenn nicht global zu veranschlagen. Wir müssen diese Entwicklung psychologisch und institutionell richtig einordnen, um den Herausforderungen, die sich daraus ergeben, gewachsen zu sein. Eine wesentliche Erkenntnis dabei ist folgende:  Der zunehmende kritische Druck auf unser Tun und die zunehmenden Legitimitäts- und Begründungserfordernisse haben ihre Ursache nicht in einer uns Jägern anzulastenden Versagensgeschichte!  

Wenn uns z.B. von Tierschützern Tötungslust und das Betreiben eines blutigen Hobbys vorgeworfen wird, dann ist das schlimm, es ist ungerecht und ganz und gar unangemessen. Aber solch ein Vorwurf zeitigt kaum Folgen, wenn unsere gesellschaftliche Dienstleistung stimmt und wir diese Dienstleistung so vermitteln, dass sie öffentlich verstanden wird. Fatal und viel folgenreicher wäre es, wenn die zunehmenden Begründungs- und Legitimitätserfordernisse von uns nicht als der Beginn einer neuen Zeit begriffen würden, sondern nur kommuniziert als das Ende der guten alten Zeit. Wir hätten uns damit selbst an das Ende einer Entwicklung verpflanzt und als Auslaufmodell aufgegeben. Es braucht aber gute Leute, die die notwendige Zukunftsorientierung der Jagd argumentativ, fachlich und strategisch organisieren.  

Es ist keine Versagensgeschichte, die wir im Augenblick durchleben. Es ist eine Veränderungsgeschichte. Wenn heute so vieles in Frage steht - auch die Zukunft und das gesellschaftliche Gewicht der Jagd -, dann hat das nichts damit tun, dass wir in der Vergangenheit schlecht waren oder im Laufe der Jahre schlechter geworden wären. Es hat auch nichts damit zu tun, dass sich immer mehr Jagdgegner zusammenrotten würden, die uns an die Schwarte wollen. Sondern hier bildet sich in unserem Verantwortungsbereich eine Veränderungen ab, die nur zu vergleichen ist mit den ganz großen Umbrüchen in der europäischen Zivilisationsgeschichte. Zu denken wäre da an den Umbruch von der landwirtschaftlich geprägten spätmittelalterlichen zur neuzeitlich industriellen Gesellschaft im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts.  

Wir leben in einer Zeit, in der das Fragwürdige regiert, nicht das Überlieferte. Wir leben in einer politischen Welt, in der völlig fremde Menschen, deren Sprache wir nicht einmal sprechen, über uns betreffende politische Rahmenbedingungen mitbestimmen. Und so sind wir als Jägerinnen und Jäger mehr von Fragezeichen umgeben als von Ausrufezeichen. Oder anders gesagt: wir erleben mehr Fremde als Heimat. Wir erleben Infragestellungen und Anfragen, wo wir eigentlich Beheimatung und Ruhe, auch Rückzugsräume und Bestätigung und das Gewohnte wünschen. Wir müssen uns neu aufstellen und neu zu erkennen geben und neu begründen. Das ist mühsam und erfordert viel Arbeit. 

In welchem Verhältnis stehen Jagd und die umbrechende Gesellschaft zueinander? 

Nun müssen wir uns als Jägerinnen und Jäger die Frage stellen, wie wir uns strategisch in den umbrechenden Gesellschaften aufstellen. Wir werden uns nicht ausschließlich auf unsere Traditionen berufen können oder auf  Gewohnheitsrechte und Privilegien. Diese ehemals starken gesellschaftlichen Ordnungsfaktoren verlieren zunehmend an politischer Gestaltungskraft.  

Als Jägerinnen und Jäger, als Jagdverbände müssen wir unser Dienstleistungsversprechen an die Gesellschaft aktuell erhalten und wo nötig aktualisieren und erneuern. Wir müssen uns Performance prüfen und verbessern. Unser Versprechen lautet, dass wir uns um Natur, Kultur und Lebensräume für wildlebende Tiere kümmern. Wir versprechen, dass wir begründet und förderlich in Wildbestände und –besätze eingreifen und im Zuge dessen auch Tiere verantwortlich und verantwortbar vom Leben zum Tode befördern.  

Wer ein Versprechen gibt, setzt sich in besonderer Weise der Beobachtung und Überprüfung aus. Der muss halten, was er versprochen hat. Er schafft, in dem er die besondere moralische Qualität des Versprechens für sich in Anspruch nimmt, eine besonders verbindliche Situation. Der Verstoß gegen ein öffentlich gegebenes Versprechen wird in der moralischen Öffentlichkeit als Vertrauensbruch gewertet. Wir stehen heute vor der schwierigen Aufgabe, unser Versprechen in einer Zeit erneuern zu müssen, in der die Suche nach Vertrauensbrüchen zudem professionell betrieben wird. Die kritische Öffentlichkeit stellt sich in einer moralischen Geste neu auf. Sie formuliert knallharte Kriterien (z.B. Glaubwürdigkeit) und sanktioniert Verstöße gnadenlos. 

Thilo Bode, langjähriger Vorsitzender von greenpeace international, hat das einmal kurz und bündig für seine Organisation auf den Punkt gebracht: „Wir sind Wachhunde, stets auf dem Posten, wenn irgendwo rücksichtslos Macht ausgeübt wird.“ Es gibt zahlreiche Tierrechts- und Naturschutzorganisationen, die zur aktiven Bekämpfung der Jagd aufrufen. Die nur darauf warten, uns eines Versprechens- oder Vertrauensbruchs zu überführen.

Es gibt daneben einen professionell organisierten Dienstleistungsbereich, der sich mit der öffentlichen Skandalisierung von verletzten Versprechen und derer kampagnenartigen Kommunikation befasst. Die kritische Öffentlichkeit agiert. Sie schafft sich ihre Institutionen und schärft ihr Gespür für Versagen. Internationale Firmen, die um Vertrauen werben und mit ihren Markenprodukten nichts anderes tun, als Qualitätsversprechen abzugeben, beschäftigen ganze Abteilungen, die sog. corporate diplomacy, also die öffentliche Vermittlung ihrer Anliegen betreiben.

Das Fatale und durchaus Unkalkulierbare an diesem Prozess ist, dass ich mich desto größerer Gefahr der Skandalisierung aussetze, je profilierter und qualitativ anspruchsvoller mein Versprechen an die kritische Öffentlichkeit ist. Die kritische Öffentlichkeit reagiert auf Kampagnen solcher Wächterorganisationen aufnahmebereit. Sie tut es deswegen, weil das öffentliche Vertrauen in die  Regelungsmächtigkeit der Politik im Schwinden begriffen ist. Nicht zuletzt deswegen meiden Politiker die Konkretion, wo sie nur können. Sie wissen um die Gefahr, dass sie von eigenen, forsch formulierten Ansprüchen schnell überrollt werden können.

Die kritische Öffentlichkeit entwickelt gegen gebrochene Versprechen aber auch eine ganz eigene Art der Bestrafung, die der Unterstützung durch Kampagnen-Dienstleister gar nicht bedarf. Dieses Vermögen wird als Phänomen der „moralische Aggression“ beschrieben. Sie richtet sich vor allem gegen Personen und Institutionen, die mit moralischen oder wertebezogenen Ansprüchen gesellschaftliche Räume besetzen möchten.  

Das Jagdwesen ist im Grunde nichts anderes als eine Institution, die besonderes Vertrauen erwartet und einen großen Vertrauensvorschuss für sich in Anspruch nimmt. Der Umgang mit Waffen in der Öffentlichkeit, Jagdschutzfunktionen usw. sind gesellschaftliche Handlungsfelder, die ohne Vertrauensvorschuss und ständigen Vertrauensüberprüfung keiner Institution überlassen werden.  

In der heutigen kritischen Öffentlichkeit hat die Fehlerfreundlichkeit abgenommen, nicht weil die Menschen böser geworden wären oder ungeduldiger oder sonst wie gegen Jagd eingestellt. Sondern weil die Kommunikationsbedingungen und Möglichkeiten sich so entwickelt haben, dass jeder Regelverstoß z.B. über eine in Minuten herstellbare Internetseite weltweit Öffentlichkeit herstellen kann.  

Die Aktualisierung des Versprechens, dass wir als Naturschutzverband eine unverzichtbare gesellschaftliche Dienstleistung erbringen, muss von uns darum mit ganzer Aufmerksamkeit und großer Umsicht geleistet werden. Und das ist keine Aufgabe, die wir unseren Verbandsvertreterinnen und -vertretern allein überlassen könnten. Wir alle setzen Zeichen in die kritische Öffentlichkeit. Und wir alle stehen vor der Frage, ob unsere Zeichen und Marken ein gutes Versprechen abgeben. Und zum redlichen Weidwerk gehört es, dass wir hier wahrhaftig selbstkritisch bleiben.  

Rolle der Politikerinnen und Politiker 

Es ist wichtig, die Beziehung zur Politik in diesem Umfeld zu bedenken. Wir brauchen eine Lobby an den Schaltstellen der Macht, das ist keine Frage. Politikerinnen und Politiker waren aber niemals Garanten für einen gesellschaftlichen status quo. Demokratisch gewählte Politikerinnen und Politiker haben – wenn man den Anspruch eines demokratischen Gemeinwesens ernst nimmt – immer dort Wandlungen und Veränderungen zu managen, wo es dem Willen der Gesellschaft entspricht. Es kann darum sogar zur Pflicht von Politikern werden, an einer Zurücknahme des gesellschaftlichen Auftrags gegenüber den Jägern zu arbeiten.  

Etwas anderen ist es, wenn das öffentliche und medienorientierte Herumspielen mit z.B. jagdlichen Rahmenbedigungen dazu dient, dem eigenen Wählerklientel zu beweisen, dass man hart am politischen Wind und hart am ideologischen Ball der politischen Basisprogramme arbeitet. Auch das haben wir erlebt.  

Es ist Unsinn und naiv, wenn wir von Politikerinnen und Politikern erwarten, sie mögen unseren status quo sichern. Regieren und Herrschen sind zwei Paar Schuhe. Regieren heißt, gesellschaftliche Entwicklungen moderieren und Mehrheitsmeinung umzusetzen, also Demokratie anzuwenden und zuzulassen. Herrschen heißt, nach eigenen, selbstbezüglichen Maßstäben zu handeln. Wir sind als Jägerinnen und Jäger als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger auf dem Holzweg, wenn wir von den Politikern erwarteten, dass sie das Recht auf Jagdausübung gegen den gesellschaftlichen Trend erhalten. Das wäre eine Form der Herrschaft, die mit Demokratie wenig zu tun hätte. Hier mutiert das Recht zur Farce.  

Töten verboten? 

In diesem Zusammenhang ist auch etwas zur beliebten Generalkritik zu sagen, der wir als Jägerinnen und Jäger mal mehr mal weniger intensiv ausgesetzt sind. Es geht um das Töten von wildlebenden Tieren.  

Wir stehen vor der heiklen Aufgabe, Natur- und Tierschutz mit dem Recht auf das Töten von Tieren zu verbinden und sogar aktive Zusammenhänge zwischen Tierschutz und dem Töten von Tieren herstellen. Wir nehmen für uns in Anspruch, dass die Jagd auf Tiere, das Töten von Wild (und wildernden Haustieren) Naturschutz ist und mit dem Ziel des Tier- und Naturschutzes vereinbar. Schwer haben wir es immer dann, wenn Menschen meinen, sie müssten das ganze Leben und alle ethische Ausrichtung des Lebens an einem generellen Tötungsverbot festmachen. 

Zunächst ist einmal zu sagen, dass ich keinen Menschen kenne, der durch seinen Lebensvollzug nicht in irgendeiner Weise anderes Leben für sich in Anspruch nähme und/oder nutzen würde. Würde der Mensch Zeit seines Lebens nur still auf der Stelle stehen, nur atmen und schauen, er würde Sauerstoff verbrauchen, er würde Stoffwechsel betreiben und er könnte sich durch seine eigene Entscheidung zu totaler Passivität nicht davon dispensieren, Teil eines organischen Prozesses zu sein, in dem Mitwelt umgesetzt und verbraucht wird. 

Wenn der Mensch sich nur ein wenig rührt und regt, beansprucht er Platz und Raum, aus dem er andere Lebewesen verdrängt. Der Tanz des befriedeten Sonnen- und Tauanbeters auf der morgendlichen Wiese bedeutet Verdrängung. Dieser Tanz bedeutet Gefährdung und sogar Tötung jener Kleinlebewesen, die sich in dem Bereich aufhalten, in dem die Friedliebigkeit ausgelebt wird. Das aber bedeutet, dass es keinen Lebensstatus gibt, der den absolut neutralen Einklang des Lebens mit seiner Mitwelt erreichen würde.  

Dieses Gedankenspiel hat für die ethische und moralische Betrachtung des Verhältnisses von Leben und Tod eine fundamentale Bedeutung. Die Frage, ob ich nicht nur sterblich bin, sondern auch tödlich, stellt sich nicht grundsätzlich und alternativ, sondern immer nur als moralische Frage. Zu welchem Sinn und zu welchem Zweck verbrauche ich Mitwelt? Der Kaufmann würde vielleicht sagen: Welche Erträge bringt dein Leben, mit dem du der Natur immer und in jedem Fall zum Aufwand wirst.  

Mir ist es als Mensch nicht möglich, mich dem Prozess des Werdens und Vergehens zu entziehen. Nicht nur ich werde und vergehe, sondern ich werde auch zum Grund dafür, dass anderes wird und vergeht. Und was passiert, wenn ich mich – wie die Natur es durchaus vor sieht - für Kinder entscheide? Bin ich dann nicht durch die Zeugung von Nachkommen verstrickt in deren Werden, Sein und Vergehen? In deren Wirkung auf das Leben und die Natur im Guten und im Bösen.  

Ich bin heute der Meinung, dass dort, wo Tötungsverbote kategorisch und als archimedischer Angelpunkt einer absoluten Todesablehnung ins Gespräch gebracht werden, nicht Verantwortung beginnt, sondern ein ideologisch gefärbter Realitätsverlust. Die Abkehr von einem realistischen und wirkungsbezogenen Handeln gegenüber der Natur ist nicht Verantwortung, sondern Vernachlässigung.  

Es ist im übrigen nicht die Bibel, die solchem Denken den Nährboden liefern würde. Das Tötungsverbot in den Zehn Geboten meint gemeinschaftswidriges Töten und den Mord. Mord ist Töten in heimtückischer Absicht. Heimtücke aber ist etwas, was im Kontext der Jagd ernsthafter weise überhaupt nicht zu diskutieren ist, es sei denn, ich unterstelle,  Jäger wollten aus Heimtücke einen Braten genießen. Sowohl im Alten Testament als auch im Neuen Testament ist die Herbeiführung des Endes der Spannung zwischen Leben und Tod eine Sache Gottes. Gott allein erscheint im letzten Akt seiner kreatürlichen Schöpfungsgeschichte als letztgültige Befriedung und (Er)Lösung der Spannungen. Damit aber, so sagen die alten Texte, hören Welt und Leben, wie wir sie kennen, auf zu existieren. Auf unser Versprechen hin gewendet, das wir als Jägerinnen und Jäger geben, heißt das: Wir haben die Spannung zwischen Leben und Tod verantwortlich zu gestalten. Und wir haben allergrößte Sorgfalt auf die Begründung unseres Handels zu verwendet, wenn wir uns in dieser Spannung für den Tod eines Mitgeschöpfes entscheiden. Jeder Tod, jedes Sterben ist endgültig, unrevidierbar. Darum haben wir vorher zu klären und zu erklären, wozu durch unsere Hand Leben beendet wird. Eines aber müssen und wollen wir nicht: die Welt zu einer Scheinwelt machen, in dem die fundamentale spannungsvolle Beziehung von Leben und Tod nicht mehr realistisch gesehen und als menschlicher Handlungsrahmen gesehen wird. Wer solchem Denken Vorschub leistet, wer so handelt, ist nicht auf dem Weg zu mehr Verantwortung, sondern auf dem Weg in den Realitätsverlust. 

Die Zeiten wandeln sich. Und es ist nicht bequemer geworden, ein Jäger zu sein. Wer heute und in Zukunft erhobenen Hauptes jagen will, der muss sich immer wieder vor Augen halten, dass die Veränderungen um uns herum nichts zu tun haben mit Versagen. Die Veränderungen sind auch nicht angemessen zu begreifen als permanente Verschlechterung der Bedingungen, unter denen wir weidwerken. Sie sind nicht zu stoppen, in dem wir unsere Politikerinnen und Politiker unter Druck setzen, damit sie den status quo erhalten. Europa und die Welt wandeln sich. Sie brechen um und ordnen sich neu. Und wir haben Anteil an diesen Veränderungen. Wir können sie mitgestalten. Insofern bleibt unser Haupt oben und wir tun, was in unserer Macht steht, um Jagd als vernünftigen Umgang mit der Natur weiter zu entwickeln und zu gestalten. 

Jagd in kritischer Öffentlichkeit - das bedeutet, dass wir in Zukunft noch mehr strategisch denken und arbeiten müssen. Die Zeit, in der Tradition und fest gefügte gesellschaftliche Rahmen sichere Räume darstellten, gehört der Vergangenheit an. Unsere Vorstände, Vorsitzenden, Öffentlichkeitsbeauftragten usw. sind so auszurüsten und auszubilden, dass sie an den Schnittstellen zur kritischen Öffentlichkeit einen guten Job machen können. Wir haben sie hier mit dem nötigen Material und Geld zu versehen. 

Grundstrategie all unseres Handels muss es aber sein, das Versprechen einzulösen und zu erneuern, mit dem Jagd zu gesellschaftlicher Akzeptanz gefunden hat. Der Hinweis auf die einstige Funktion der Fleischversorgung, vermag hier nichts mehr zu leisten. Auch der Hinweis auf die Freude an der Jagd und der Hinweis auf Gewohnheitsrechte sind nur sehr bedingt geeignete Mittel zur Sinnvermittlung. Jagd ist eine gesellschaftliche Dienstleistung, die sich in ihren unverzichtbaren Teilen stark machen muss. Und diese unverzichtbaren Teile heißen: Natur- und Tierschutz, Landschaftspflege. Wer Natur- und Kulturlandschaften, aber auch Wilbestände und –besätze sich selbst überlässt, handelt verantwortungslos. Ob das, was wir tun, unserem Versprechen entspricht, werden Wachhunde in Form zahlreicher werdender (jagdkritischer) Wächter-Organisationen beobachten. Wenn wir gegen unser Versprechen verstoßen, werden wir dafür öffentlich mit Reputationsverlust bezahlen. Die hektischer werdende öffentliche Meinung wird uns mit moralischer Aggression begegnen. Und wir werden Mühe haben, jenen Kampagnen, in denen man uns Vertrauensbruch oder Vertrauensmissbrauch nachweisen kann, Herr zu werden. 

Irgendwo dazwischen werden wir uns aber mit Freude und Passion auf den Weg in unsere Reviere machen, werden uns am Anblick des Wildes erfreuen, werden das Wild erlegen und verwerten. Werden unser Brauchtum pflegen, werden unsere Hunde ausbilden und werden hoffentlich in allem jene Gelassenheit bewahren, die es braucht, um ein Leben in der Balance von Herausforderung und Zufriedenheit zu führen.

Vortrag Jägerschaft Melle zur Jahresversammlung 2005

zurück